Leben in der Rasselsteiner Kolonie

Leben in der Rasselsteiner Kolonie

Ein ganz persönlicher Rückblick

von Anita Trostel

Großen Einfluss auf den Stadtteil Niederbieber und seine Entwicklung hatte die Firma Rasselstein, deren Neuwieder Produktionsstätten sich auch auf die Gemarkung Niederbieber erstrecken. Um die Arbeiter an den Produktionsort zu binden und ihnen preisgünstigen Wohnraum anzubieten, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts eine Werkssiedlung errichtet. 1908/09 wurde mit den ersten Bauten in der sogenannten „alten Kolonie“ begonnen, 1920/21 erstellte man die „neue Kolonie“. Nach dem Krieg baute man in der alten Kolonie noch ein paar Reihen- und Doppelhäuser dazu, die allerdings im baulichen Charakter von dem bisherigen Baustil abwichen. In der neuen Kolonie errichtete man in der Straße „Am Brunnen“ fünf  Moll-Häuser und „Im Marienborn“ und „In den Akazien“ einige sogenannte Behelfsheime. Sie wurden um 1980 aber alle wieder abgerissen.  Die Siedlung liegt direkt hinter dem Werksgelände. Der alte östliche Teil erstreckt sich zwischen Hammergraben und B 256 und der neue westliche Teil zwischen Hammergraben und Wied. Der Hammergraben, eine Ableitung der Wied ab der Höhe des Wehrs in der heutigen Straße „Am Hammergraben“, besteht schon seit der zweiten Hälfte de 18. Jahrhunderts. Er wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Kanal ausgebaut und zur Brauchwasserversorgung (Kühlwasser) des Rasselsteins genutzt.

Die Arbeiter wohnten so in der Nähe des Betriebes und hatten keine weiten Anfahrtswege. Sie hatten ihren eigenen Garten und in den angebauten Ställen konnten sie Tiere halten, so dass sie sich zumindest teilweise selbst versorgen konnten. Ferner hatten alle in etwa den gleichen Lebensstandard.

Siedlungseinheiten wie diese, in einem fast originalen Zustand, sind selten und nur noch an wenigen Stellen in der Bundesrepublik zu finden. Die Kolonie wurde zwischenzeitlich unter Denkmalschutz gestellt.

In dieser „Rasselsteiner Kolonie“ verbrachte ich bis zum Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts meine Kindheit und Jugend. Von der Nachkriegszeit bis hinein in die Zeit des Wirtschaftswunders möchte ich über das Leben in der Kolonie, so wie ich es dort wahrgenommen habe, berichten aber auch Erfahrungen anderer „Kolonisten“ einfließen lassen.

Wir wohnten ab 1948 in der neuen Kolonie, in der Straße, die „Im Marienborn“ hieß. Heute heißt sie nur noch „Marienborn“. Die alten gusseisernen  Schilder wurden belassen aber überstrichen, das ist schade, denn es ist noch gut zu erkennen, wie schön doch die alten Schilder ausgesehen haben.

Die ca. 78 Einzel- und Doppelhäuser auf 5,5 ha Fläche wurden damals in der Mehrzahl von zwei Familien je Einheit bewohnt. Man teilte sich den Garten, die Stallungen, die Waschküche und die Außentoilette. Pro Familie standen meist 2-3 Räume und evtl. eine Mansarde zur Verfügung. Als Bad diente die Waschküche, der gemauerte Waschtrog war die Badewanne und das erforderliche Wasser wurde im großen Waschkessel erhitzt.

Die angebauten Stallungen waren ursprünglich dazu gedacht, dass die Familien ein Schwein, eine Ziege oder ein Schaf halten konnten. Seit  der Nachkriegszeit wurden diese Tiere jedoch nicht mehr gehalten, es gehörten aber fast zu jedem Haus Hühner und gelegentlich auch noch Stallhasen und Gänse. So erinnere ich mich noch gut daran, dass ich als Kind immer flüchtete, wenn die Gänse schnatternd den Marienborn unsicher machten und auf die Fußgänger losgingen.

Der Bautyp des Hauses, in dem wir zunächst eine Wohnung hatten, verfügte über eine Veranda. Die Bewohner der Parterrewohnung konnten sie nutzen. Das war sehr praktisch bei der Verarbeitung all der Gartenfrüchte, so konnte die Wohnküche geschont werden. Auf der Veranda essen oder die Freizeit verbringen, so wie man das heute kennt, war damals noch nicht üblich. Die Parterrewohnungen waren beliebter, denn die Bewohner der 1. Etage mussten, z.B. um zur Außentoilette zu gelangen, aus der Haustür raus, um das Haus herum in den Toilettenanbau, ein weiter Weg.

Die Gärten wurden intensiv genutzt für den Anbau von Obst und Gemüse. Wir hatten z.B. weiße, rote und schwarze Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren Sauerkirchen und Rhabarber. Für diejenigen, denen das Gartenland nicht ausreichte, bestand die Möglichkeit bei Nodhausen noch ein Stück Feld zu pachten, hier wurden meistens Kartoffeln angebaut. Bei unserem Feld befand sich zudem noch ein dicker Nussbaum. Das Einsammeln der Nüsse war allerdings mit einigen Hindernissen verbunden, weil der Baum direkt am Hammergraben stand und viele Nüsse in der Uferböschung landeten, die dann von dort  mühsam aufgesammelt werden mussten sofern sie nicht ins Wasser gerollt waren.

Die Kolonie war insgesamt eine grüne Lunge. In den Gärten blühten viele Blumen und es gab einen üppigen Baumbestand. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die „dicke Pappel“ aus der alten Kolonie direkt am Hammergraben, in der Straße „Am Gettelborn“. Sie war immer von einem riesigen Schwarm laut krächzender Krähen bevölkert, die wie auf ein geheimes Kommando plötzlich aufflogen und sich in Richtung Nodhausen davon machten. Man sagte, sie sei so alt wie der Hammergraben; heute gibt es sie jedoch nicht mehr.

In schöner Erinnerung habe ich auch die Linden im Marienborn. Hier schwirrten noch Junikäfer und tanzten Glühwürmchen. Wenn die Linden blühten, verströmten sie einen unbeschreiblichen Duft, insbesondere am Abend.

Unter ihrem Blätterdach war reichlich Platz für Ball- und Hüpfspiele, Nachlaufen und Klickerturniere. Im Herbst lieferten sie uns Kindern jede Menge Laub zum Bau unserer Laubhäuser. Es herrschte dort immer ein reges Getümmel, weil sich fast alle Kinder hier trafen und das waren in der Kolonie nicht gerade wenige.  Heute befindet sich dort ein Spielplatz der üblichen Art, nur von wenigen Kindern besucht.

Ich muss allerdings sagen, dass es damals nur die Kinder aus der neuen Kolonie waren, die unter den Linden spielten, denn irgendwie bildete der Hammergraben, trotz der beiden Stege als Verbindungswege, eine Grenze. Die Kolonier blieben meist auf „Ihrer“ jeweiligen Seite.

Doch manchmal musste der Hammergraben überwunden werden. Ich benutzte z.B. das „Holzbrückelchen“, also den südlichen Steg, wenn mich meine Mutter zu „Hofs“ in der Wiedbachstraße zum Einkauf schickte oder später, als ich bei Frau Ulrich in der Wiedbachstraße Stenografie und Maschinenschreiben lernte.

Und wenn im Sommer das „Kolonier Strandbad“ lockte, dann strömten auch die Badelustigen aus der alten Kolonie über den Hammergraben an den  sogenannten „Quetschegarten“ in der neuen Kolonie. Der Quetschegarten ist ein Abschnitt an der Wied, in den zu früheren Zeiten die Heddesdorfer Bauern ihre Pferde führten um sie dort zu waschen. Für uns war diese Stelle interessanter als das weiter oben gelegene offizielle Strandbad, weil es hier Strömung gab und die „Perdskaul“ nur von besonders Wagemutigen durchquert wurde.

Im Winter trafen sich alle Kolonier Kinder an und auf dem zugefrorenen Hammergraben. Die Jungen spielten Eishockey mit Knüppeln und einer Blechdose und wir Mädchen vergnügten uns auf verschiedenen Rutschbahnen. Von den Eltern wurde dieses Vergnügen jedoch nicht gerne gesehen, weil es vorkam, dass die Eisdecke einbrach und es hat auch Todesfälle gegeben.

Damals hatten die Straßen noch keine feste Decke, sondern sie hatten einen gewalzten Naturboden; die Schlaglöcher wurden im Frühjahr mit Schlacke vom Rasselstein ausgebessert. Ich landete einmal bäuchlings auf einem aufgeschütteten schwarzen Schlackehaufen, als ich bei Dunkelheit und spärlichster Straßenbeleuchtung auf dem Schulweg war. Auf die gesamte Straßenlänge von ca. 250 Metern kamen drei Straßenlaternen mit normalen Glühbirnen. Wir Kolonier Kinder mussten früh aufbrechen, denn bis zur Schule in der Burgstraße brauchten wir fast eine halbe Stunde.

Wenn nach einer Frostperiode der Boden auftaute, dann verwandelten sich die Straßen in Schlammpisten – Bürgersteige gab es nicht – und   es sah nicht gerade gepflegt aus, wenn man mit verdreckten Schuhen im Dorf ankam.

Vielleicht war das auch mit ein Grund, dass die Kolonie von den Niederbieberern kaum besucht wurde Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Kolonie eine in sich geschlossene Einheit war, in der man sich als Außenstehender fremd vorkam.  „Das war schon immer so“, sagten alte Kolonier. Meine Schulfreundinnen trafen sich mit mir auch lieber bei meinen Großeltern, die im Dorf wohnten, als dass sie in die Kolonie kamen, obwohl man dort in Ruhe spielen konnte. Die Bäckerei Debusmann mit dem Brotwagen und Max Saar mit dem Gemüsewagen gehörten eine lange Zeit mit zu den wenigen Autos, die in der Kolonie unterwegs waren.

In den späteren Jahren wurde dann auch der eine oder andere Rasselsteiner stolzer Besitzer  eines Kleinwagens und er bemühte sich, das gute Stück behutsam über die Kolonier Naturstraßen zu lenken. Wir Kinder waren bei unseren Spielen auf der Straße also kaum vom Autoverkehr gefährdet und das nutzten wir weidlich aus.

Die Arbeiter standen dem Rasselstein als Feuerwehrmänner zur Verfügung. Die Werksfeuerwehr bestand zu einem großen Teil aus Leuten der Kolonie. Sie waren durch ein Hausrufsystem erreichbar und jeden Mittag um 12.30 Uhr schrillte die Alarmglocke zur Funktionskontrolle. Am Sonntagvormittag waren die  Wehrübungen am Steigerturm auf dem Werksgelände eine willkommene Abwechslung für viele Schaulustige.  Mein Vater war oft an verschiedenen Werkstoren zum Bereitschaftsdienst an Sonntagen eingeteilt. Ich brachte ihm dann das Essen und fand das alles sehr spannend.

Das Zusammenleben wurde von den meisten Koloniern als harmonisch empfunden und viele Familien wohnten bereits seit Generationen dort und waren Rasselsteiner. Wer damals beim Rasselstein arbeitete, der war sich sicher, dass er eine Lebensstellung hatte.  Es war allerdings so, dass z. B. Rentner oder Witwen die Kolonie verlassen oder in eine kleinere Wohnung ziehen mussten, um für andere Werksangehörige Platz zu machen, wenn Bedarf eintrat. So tauschten wir z. B. auch unsere Wohnung mit einer Witwe, die in unsere kleinere Wohnung zog,  blieben aber der Straße „Im Marienborn“ treu.  Als dann mit dem beginnenden Wirtschaftswunder der bescheidene Wohlstand eintrat, entschieden sich viele für ein Eigenheim und zogen freiwillig von der Kolonie fort.

Ich selbst habe die Kolonie 1962 verlassen, aber ich mache heute noch ab und zu gerne einen Spaziergang durch die Straßen meiner Kindheit, die nun befestigt sind und eine schöne, helle Beleuchtung haben. Die meisten Häuser wurden modernisiert und erhielten eine neue Dacheindeckung. Typische bauliche Details der Entstehungszeit, wie Stallgebäude, zurückversetzte Hauseingänge blieben unverändert.

Auch heute leben noch einige Familien aus den alten Generationen in den angestammten Häusern. Die Zusammensetzung der Einwohnerschaft hat sich jedoch sehr gewandelt, viele ausländische Mitbürger haben in der Kolonie eine Wohnung gefunden und fühlen sich wohl dort. In der Zwischenzeit sind einige Häuser an Werksangehörige in Privatbesitz übergegangen  und es ist gut, dass die Kolonie unter Denkmalschutz gestellt worden ist, um ein solches Kleinod weitestgehend unverändert zu erhalten.

Im Rückblick kann ich sagen, dass meine Kindheit in der Kolonie schön war, obwohl ich mich damals auch oft und gerne bei meinen Großeltern im Dorf aufgehalten habe. So kann ich heute sagen: „Ich habe meine Kindheit in zwei Welten verbracht, obwohl sie in einem Ort lagen.“

Der Beitrag ist auch mit einigen Fotos im Heimat-Jahrbuch 2006 des Landkreises Neuwied abgedruckt.

Quellen:

Doris Engel, Helmut Muscheid, Werner Kinne, Wolfgang Wirtgen, Stadtbauamt Neuwied in „Unser Niederbieber einst und jetzt“, Jahrgänge 1985, 2000 und 2002

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